Wechselbad der Gefühle in Herne

Mit 2:0 führten die Hannover Indians mehr als überraschend in der Serie gegen den Hauptrundenmeister aus Herne. Mit dem dritten Sieg in Folge hätte der ECH diese Playoff-Runde für sich entscheiden können und den HEV in die Sommerpause geschickt. Aber das Spiel, wo man den Sack zumacht, ist ja meist das schwerste. Das sollte sich auch bewahrheiten und unsere Indians schlitterten an der Sensation vorbei. In den Spielen zuvor hat uns auch die etwas größere Tiefe im Kader im Vergleich zu Herne geholfen, jedoch sah Tobias Stolikowski sein Team recht deutlich dezimiert. Während Pohanka, Peleikis und Bovenschen gesperrt fehlten, fiel Baier nach einem Zusammenstoß am letzten Freitag verletzt aus. Sofern möglich, hatten alle Spieler die Reise nach Herne angetreten, um ihre Mannschaftskollegen zumindest moralisch unterstützen zu können. Bei Herne ergab sich eine Änderung auf einer Schlüsselposition: statt des bisherigen Torwarts Wendler stand dieses Mal Weidekamp für den HEV zwischen den Pfosten.

Nach der Rudelbildung nach Spielende am vergangenen Freitag stand das Spiel unter Beobachtung. Ein Vertreter des Verbands nahm auf der Tribüne Platz, um sich ein Bild von der (üblichen oder übertriebenen?) Playoff-Härte zu machen und allen Beteiligten auf die Finger zu gucken. Der erste Fangesang überhaupt, den man im Stadion vernahm, waren „Scheiß Hannover“-Rufe. Freundschaftliches Miteinander sollte also nicht zu erwarten sein.

Ob aus Eigeninitiative oder mit Ansage von oben, schickte Hauptschiedsrichter Krawinkel auch bei der ersten Berührung des Spiels überhaupt direkt als Zeichen zwei Spieler nach nur drei Sekunden vom Eis. Im Normalfall hätte man wohl weder Stock-Check für Gibbons noch Stockschlag für Hernes Luft gepfiffen. Jedoch schien auch das Schiedsrichtergespann mehr als bemüht, alles richtig zu machen und jedes eventuelle Auseinandersetzungspotential aus dem Spiel zu nehmen. Mit der zweiten echten Chance für Herne fiel in der 2. Minute auch das sehr frühe 1:0 durch Kreuzmann. Man merkte, dass Herne enorm unter Druck stand und den gaben sie nur zu gern an Hannover weiter und nahmen unser Team unter Dauerfeuer. Den ersten weniger spielerischen Akzent gab es in der 10. Minute, als Turnwald nach einem harten Bandencheck minutenlang am Boden lag. Als Folge war für Damian Schneider das Spiel beendet und er konnte mit einer Spieldauer duschen gehen. Turnwald musste erstmal in die Kabine, war jedoch zum Glück fünf Minuten später wieder dabei. In der folgenden Überzahl fand auch der ECH eine bessere Bindung zum Spiel und Ziolkowski und Gibbons hatten jeweils auch die Chance zum Ausgleich. Zunehmend spielte Herne aber besser in Unterzahl und kam sogar zu einem Alleingang von Verelst. Dieser wollte es allerdings zu schön machen und auf seinen Sturmkollegen zurücklegen, der Puck konnte aber von einem Indianer abgefangen werden. So blieb es also beim 1:0 – nichts Neues, denn auch bei den beiden vorherigen Spielen mit gerieten die Indians mit einem Tor in Rückstand und konnten beide Spiele noch drehen.

Zu Beginn des zweiten Drittels spielte Herne ebenso druckvoll wie im ersten Abschnitt weiter. Auch begünstigt durch Strafen gegen Hannover. Und dieses Powerplay nutzte Snetsinger mit etwas Hilfe von Glücksgöttin Fortuna in der 24. Minute zum 2:0 in doppelter Überzahl. Jedoch sollte es nicht lange dauern, bis der ECH die passende Antwort parat hatte. Denn in der 27. Minute zog Schwab über die rechte Seite zum Tor und hob den Puck zum 2:1-Anschlusstreffer ins Tor. Zu diesem Zeitpunkt etwas überraschend. Aber die Ereignisse sollten sich nun überschlagen. Denn in der 30. Minute schlug der ECH mit dem 2:2 von Turnwald endgültig zurück. Da war es auf einmal mucksmäuschenstill in der Gysenberghalle und die rund 100 mitgereisten Indians-Fans hatten die Halle zumindest kurzfristig unter Kontrolle. Allerdings sollte das Glück nicht lange währen, denn in der 32. Minute schon der nächste Treffer für die Hausherren. Abermals war es Snetsinger, der zum 3:2 traf. Was die Indians sich gerade noch so mühsam aufgebaut hatten, schien jetzt wieder zusammenzufallen. Nur kurze Zeit später erhöhte Klein in der 34. Minute dann noch auf 4:2 und stellte den vorherigen Abstand wieder her. Ein heißes Hin und Her war jetzt auf dem Eis zu sehen, wo beide Teams auf den nächsten Treffer drängten. Einfacher wurde es für den ECH zum Drittelende nicht, da mit den letzten Minuten erst Lilik und dann auch noch Grass je eine 10-Minuten-Strafe auferlegt bekamen. Somit schrumpfte der schmale Kader der Indians weiter. Nach 40 gespielten Minuten hatten wir allein mit den 10-Minuten-Strafen schon 30 Minuten zusammen (Pohl hatte bereits im ersten Drittel eine 10er kassiert).

Entsprechend dünn besetzt ging es dann ins letzte Drittel. Trotzdem gehörte die erste gute Chance den Indians, als Schwab nach einer halben Minute den Puck unter die Latte heben wollte, aber knapp vorbeizielte. Die Indians jetzt mit Oberwasser, wurden aber jäh durch eine Strafe wegen Kniechecks gestört. Die Gelegenheit nutzte Herne. In der 44. Minute traf Snetsinger, der zwar äußerlich kaum von Chewbacca zu unterscheiden war, aber einen Sahne-Tag erwischt hatte, zum 5:2 ins kurze Eck. Mit der komfortablen Führung verlagerte Herne sich weitestgehend aufs Verwalten und setzte mehr auf Konter. Das brachte den Indians wieder mehr Spielanteile und auch aussichtsreiche Chancen, die sie aber nicht in Tor ummünzen konnten. Ein von Verelst bejubeltes, aber nicht gegebenes Tor zwei Minuten vor Schluss hätte eigentlich den Abschluss dieses Spiels bedeuten können. Jedoch gab es noch die letzten 8 Sekunden. Von unserem Platz hat man nicht gut gesehen, daher will ich mich mit Beschreibungen auch nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. Lilik hat wohl Nieberle, mit dem er zuvor schon aneinandergeraten war, direkt vor der Herner Bank gecheckt und es artete wieder in Rudelbildung (jedoch ohne Massenschlägerei) aus. Als Lilik im Spielertunnel noch in Richtung Herner Bank schimpfte, zückten alle umstehenden ihre Handys, um möglichst belastendes Material zu filmen. Von der Bierdusche, die unsere Bank überschwemmte, hatte aber wieder keiner was gesehen… Egal: bleiben wir sportlich. Nach ewigen Diskussionen war das Spiel dann auch beendet, die Coaches gaben sich die Hand und wir machten uns auf den Heimweg.

Dann geht es also am Freitag in die „Verlängerung“. Da tritt Herne zu Spiel 4 der Serie am Pferdeturm an. Lasst es uns ihnen so unbequem wie möglich machen! Und das meine ich auf faire und sportliche Weise. Denn wenn es nur noch darum geht, wer wem welches Vergehen beweisen kann, der eine mit Bierbechern wirft und der andere überlegen muss, ob er sich alleine an den Bierstand traut, ist das nicht mehr mein Sport. Playoff-Härte als Salz in der Suppe in allen Ehren – aber bitte im sportlichen Rahmen!

Viele Grüße aus Eishockey-Deutschland

Euer Liveticker-Team mit dem ehrlichsten und subjektivsten Spielbericht der Liga

Zahlen und Fakten

Tore:

1:0 Kreuzmann (Richter, Ackers) 1:51
2:0 Snetsinger (ohne Assist / Überzahl-Tor 2) 23:23
2:1 Schwab (Gibbons) 26:45
2:2 Turnwald (Hein, Gosdeck / Überzahl-Tor) 29:35
3:2 Snetsinger (Luft, Pietsch) 31:05
4:2 Klein (Snetsinger, Dreschmann) 33:05
5:2 Snetsinger (Luft, Kreuzmann / Überzahl-Tor) 43:47

Strafen: Herner EV 47 Minuten – Hannover Indians 70 Minuten

Zuschauer: 1.920